Die Aufgaben sind verteilt. Zuständigkeiten stehen vielleicht sogar im Organigramm oder in Stellenbeschreibungen. Und trotzdem gibt es im Alltag immer wieder Reibung: Entscheidungen bleiben liegen, Aufgaben werden doppelt erledigt oder weitergereicht. Eine Führungskraft greift ein, obwohl jemand anderes verantwortlich sein sollte. Mitarbeitende warten auf Entscheidungen – oder treffen sie und erfahren anschließend, dass sie ihre Kompetenzen überschritten haben.
Was auf den ersten Blick wie ein Kommunikationsproblem aussieht, kann eine andere Ursache haben: unklare Rollen im Team.
Denn zu einer Rolle gehört mehr als die Frage, wer welche Aufgabe erledigt. Es geht auch um Verantwortung, Entscheidungsspielräume und Erwartungen – und darum, ob alle Beteiligten darunter tatsächlich dasselbe verstehen.
Unklare Rollen im Team zeigen sich oft erst im Alltag
Selten sagt jemand im Meeting: „Unsere Rollen sind nicht klar.“
Stattdessen fallen andere Sätze:
„Warum muss ich mich eigentlich immer darum kümmern?“
„Ich dachte, das macht die andere Abteilung.“
„Ohne meine Freigabe geht hier offenbar gar nichts.“
„Wenn ich selbst entscheide, ist es auch wieder nicht richtig.“
„Am Ende landet sowieso alles bei mir.“
Solche Aussagen können auf ganz unterschiedliche Schwierigkeiten hinweisen. Sie können aber auch ein Zeichen dafür sein, dass Aufgaben, Verantwortung und Entscheidungskompetenzen nicht sauber zusammenpassen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn dann reicht es häufig nicht, einfach besser miteinander zu kommunizieren. Zuerst braucht es Klarheit darüber, wer welche Rolle hat – und was diese Rolle im konkreten Arbeitsalltag bedeutet.
Eine Stellenbeschreibung schafft noch keine Rollenklarheit
Auf dem Papier kann die Sache eindeutig aussehen. Person A leitet ein Projekt. Person B verantwortet einen Fachbereich. Person C führt das Team.
Doch Rollen entstehen nicht nur durch Stellenbeschreibungen. Sie entstehen auch durch Erwartungen.
Was erwartet die Geschäftsführung von der Führungskraft? Was erwartet das Team? Was erwartet eine Führungskraft von sich selbst? Und was glauben die Beteiligten, was die jeweils anderen von ihnen erwarten?
Genau hier kann es kompliziert werden.
Eine Führungskraft soll beispielsweise Verantwortung abgeben, wird aber gleichzeitig für jedes Detail zur Rechenschaft gezogen. Ein Projektleiter soll eigenständig entscheiden, muss Entscheidungen in der Praxis aber immer wieder absichern. Eine erfahrene Mitarbeiterin ist offiziell nicht für die Führung zuständig, wird vom Team aber bei jeder schwierigen Frage angesprochen.
Formal sind die Rollen verteilt. Im Alltag sind sie es nicht.
Wenn Aufgabe, Verantwortung und Entscheidung nicht zusammenpassen
Besonders schwierig wird es, wenn drei Dinge voneinander getrennt werden:
• Wer erledigt die Aufgabe?
• Wer trägt die Verantwortung?
• Wer darf entscheiden?
Wer Verantwortung übernehmen soll, aber kaum entscheiden darf, erlebt seine Rolle möglicherweise als frustrierend. Wer entscheiden darf, aber nicht weiß, wofür er tatsächlich verantwortlich ist, wird womöglich vorsichtig.
Und wenn Aufgaben delegiert werden, die Verantwortung am Ende aber immer wieder zur Führungskraft zurückwandert, entsteht schnell ein bekanntes Muster: Alles läuft über einen Schreibtisch.
Das kostet Zeit. Vor allem aber verändert es Zusammenarbeit.
Mitarbeitende lernen möglicherweise, lieber noch einmal nachzufragen. Führungskräfte erleben das wiederum als mangelnde Selbstständigkeit und greifen noch stärker ein. So kann eine Dynamik entstehen, die niemand bewusst geplant hat – die sich aber mit jeder Wiederholung stabilisiert.
Das sichtbare Problem ist nicht immer das eigentliche Problem
In Unternehmen wird dann häufig an der sichtbaren Stelle angesetzt: Die Mitarbeitenden sollen selbstständiger werden. Die Führungskraft soll besser delegieren. Die Kommunikation soll verbessert werden. Die Prozesse sollen verbindlicher werden.
All das kann sinnvoll sein. Aber bevor Maßnahmen beschlossen werden, lohnt sich eine andere Frage:
Was genau hält das bestehende Muster eigentlich aufrecht?
Vielleicht fehlen tatsächlich klare Prozesse. Vielleicht gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Verantwortung. Vielleicht wurden Zuständigkeiten verändert, ohne die Rollen im Team neu zu klären. Oder eine Person hat über Jahre Aufgaben übernommen, die offiziell nie zu ihrer Rolle gehörten – und alle haben sich daran gewöhnt.
Dann liegt das Problem nicht bei einer einzelnen Person. Es liegt in einer Struktur, die gemeinsam entstanden ist.
Rollenklarheit bedeutet nicht, alles starr festzulegen
Klare Rollen bedeuten nicht, dass jeder nur noch innerhalb eines eng definierten Aufgabenbereichs arbeitet. Gerade in modernen Unternehmen müssen Menschen flexibel reagieren, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig unterstützen können.
Rollenklarheit schafft dafür einen Rahmen:
• Wofür bin ich verantwortlich?
• Was darf ich selbst entscheiden?
• Wo endet meine Verantwortung?
• Wann muss ich andere einbeziehen?
• Was wird von mir erwartet?
• Was kann ich von anderen erwarten?
Diese Fragen wirken zunächst sehr sachlich. In der Praxis berühren sie jedoch häufig auch persönliche Themen: Vertrauen, Kontrolle, Anerkennung, Status, Sicherheit oder das eigene Verständnis von guter Führung.
Deshalb lassen sich Rollenfragen nicht immer allein über ein neues Organigramm lösen.
Führungskräfte prägen Rollen – auch ohne es zu wollen
Führung spielt bei Rollenklarheit eine besondere Rolle. Nicht nur durch das, was eine Führungskraft sagt, sondern auch durch das, was sie im Alltag tut.
Wer Entscheidungen delegiert und sie anschließend regelmäßig korrigiert, sendet eine andere Botschaft als die formale Vereinbarung. Wer bei jedem Problem sofort einspringt, kann unbeabsichtigt dazu beitragen, dass Verantwortung wieder bei ihm landet. Wer einzelne Mitarbeitende immer wieder außerhalb ihrer eigentlichen Rolle um Unterstützung bittet, kann informelle Zuständigkeiten schaffen, die irgendwann selbstverständlich erscheinen.
Das ist keine Frage von Schuld.
Solche Muster entwickeln sich oft schleichend und aus nachvollziehbaren Gründen. Vielleicht musste es einmal schnell gehen. Vielleicht war eine Person besonders erfahren. Vielleicht funktionierte die pragmatische Lösung zunächst sehr gut.
Schwierig wird es, wenn aus einer Ausnahme eine Erwartung wird.
Fünf Fragen für mehr Klarheit im Team
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Zuständigkeiten in Ihrem Team zwar formal geklärt sind, im Alltag aber trotzdem Reibung entsteht, können diese Fragen ein erster Ansatzpunkt sein:
- Wer trägt tatsächlich Verantwortung – nicht nur auf dem Papier?
- Passen Verantwortung und Entscheidungsspielraum zusammen?
- Welche Aufgaben landen regelmäßig bei Menschen, die dafür eigentlich nicht zuständig sind?
- Wo unterscheiden sich die Erwartungen von Führungskraft und Mitarbeitenden?
- Welche informellen Rollen haben sich im Laufe der Zeit entwickelt?
Gerade die letzte Frage ist oft aufschlussreich. Fast jedes länger bestehende Team kennt solche Rollen: die Person, die immer vermittelt. Diejenige, die jedes Problem löst. Den Kollegen, dessen Meinung vor einer Entscheidung erst eingeholt wird. Die Mitarbeiterin, die auffängt, was sonst liegen bleiben würde.
Solche Rollen können hilfreich sein. Sie können aber auch verhindern, dass sichtbar wird, wo Verantwortung eigentlich geklärt werden müsste.
Nicht mehr Regeln, sondern mehr Klarheit
Wenn Zusammenarbeit schwierig wird, ist die Versuchung groß, zusätzliche Prozesse, Regeln oder Meetings einzuführen. Manchmal ist das notwendig.
Manchmal braucht es aber zunächst etwas anderes: einen gemeinsamen Blick darauf, wie Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert.
Wer übernimmt welche Verantwortung? Wer entscheidet? Welche Erwartungen werden ausgesprochen – und welche nur vorausgesetzt? Und welche Rollen sind im Laufe der Zeit entstanden, obwohl sie nie bewusst vereinbart wurden?
Rollenklarheit bedeutet deshalb nicht einfach, Kästchen in einem Organigramm sauber voneinander abzugrenzen. Sie bedeutet, Erwartungen, Verantwortung und Handlungsspielräume miteinander in Einklang zu bringen.
Das kann Reibung nicht vollständig verhindern. Aber es kann helfen, Konflikte dort zu bearbeiten, wo sie entstehen – statt immer wieder nur ihre sichtbaren Folgen zu korrigieren.
Wenn Rollen immer wieder für Reibung sorgen
Manchmal lässt sich eine unklare Zuständigkeit in einem Gespräch klären. Manchmal zeigt sich dabei jedoch, dass hinter den Schwierigkeiten mehr steckt: unterschiedliche Erwartungen, gewachsene Strukturen, persönliche Muster oder Dynamiken im Team.
Dann kann ein Blick von außen hilfreich sein.
In meiner Arbeit mit Unternehmen schaue ich nicht nur darauf, wo ein Problem sichtbar wird, sondern auch darauf, was dahinter wirkt.
Wenn Sie eine Situation in Ihrem Team oder Unternehmen sortieren möchten, können wir in einem kostenfreien Kennenlerngespräch zunächst gemeinsam schauen, worum es konkret geht.


Claudia Heberling